Nach dem Ende ist vor dem Anfang

Immer wieder anklingeln

Immer wieder anklingeln

In den Anfängen unseres gemein­samen Schreibens, als noch keiner von uns beiden ahnte, wie es sich irgendwann entwickeln würde, als der point of no return bloße Zukunft war: wir zwei – schreibend. In unseren Ritualgläsern ein tiefdunkler Barolo, eingeschenkt aus einer Dekantierkanne. Wir zelebrieren das Anklingeln, wir riechen an der dunklen, dicken Flüssigkeit. Ungefähr dreizehn Jahre lag die Flasche in Michaels tiefem Keller, ungestört reifte der Wein heran, träge floss er über unsere Zunge, rann langsam, ganz viel Aroma hinterlassend, die Kehle hinab. Wir beginnen etwas Neues, hauchen ihm Leben ein. Noch weiß keiner, was endgültig daraus werden wird, aber es gibt eine Zwillingsflasche zu diesem Wein, und wir beschließen, wann wir diese öffnen werden …

Jetzt ist sie nahezu zwanzig Jahre alt, für diesen Zeitpunkt mittags liebevoll von Michael in die bereits erwähnte Kanne dekantiert. Für mich gibt es noch einige Stunden Arbeit, bis ich zu diesem Schreibtermin in der Sägmühle eintreffe.

Wir haben uns darauf gefreut, wir haben zigmal davon geträumt und geredet, wir haben unsere Witze darüber gemacht: Smoking, das kleine Schwarze!? Wir haben unendlichen Bammel davor gehabt.

Wir treffen uns wie immer, besprechen profane Dinge, die erledigt werden müssen. Etwas ehrfürchtig haben wir an diesem Abend angeklingelt, aus der Dekantierkanne, nicht aus der Flasche wie sonst wurde der Wein eingeschenkt.

Er liegt raumgreifend in unserem Mund. Wir kosten ihn aus, bevor wir ihn hinunter rinnen lassen, wo er eine tiefe Spur hinterlässt, gehaltvoll, inhaltsschwer. Wir nehmen unsere Schreibpositionen ein, und dann tun wir es – wir schreiben den letzten Satz von unserem Buch, den wir uns über all die Dinge, die getan werden mussten, aufgespart hatten. Natürlich war der Inhalt klar, aber ihn auszuformulieren, ihn aufzuschreiben, das Ende mit all seinem Glück und seiner Unwiederbringlichkeit auszukosten, das hatten wir uns aufgehoben als einen ganz besonderen Moment – gehaltvoll, inhaltsschwer.

– Fini –

Eine Umarmung, die so vieles mit einbezog: eine Idee, einen Weg, eine Freundschaft. Sieben Jahre zweier Leben prall gefüllt mit Gedanken, Hoffnungen, Zweifeln, die allesamt in unser Schreiben hinein geflossen sind. Konzentrierte Schreibtermine, Abende, an denen wir versuchten Knoten zu lösen, wo es uns schwer fiel, den Text voran zu bringen. Abdriften in Persönliches, Philosophisches, und plötzlich platzt der Knoten, und es fließt aus uns heraus, entsteht – unser Buch.

Dass das Ende nicht endgültig ist, sondern ein neuer Anfang, lässt uns den Barolo genießen wie die Situation. Wir wissen unsere Straße gleitet fort und fort …

Stillstand ist Rückschritt, ich glaube, dieses eine unserer geflügelten Worte habe ich in meinem Artikel „Rituale“ unterschlagen. In unseren Köpfen kreisen die Ideen für den zweiten Band, es juckt uns in den Fingern.

Der Rest des Barolo steht satt in unseren Gläsern, abklingeln – nach dem Ende ist vor dem Anfang. „Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“

Die Straße wird uns führen, es wird eine neue alte Flasche Wein geben, davon sind wir felsenfest überzeugt.

26 August '10 von Sigrid Knödler, in Erzählenswertes, Neuigkeiten.