Rituale

Klingelnde Weingläser

Klingelnde Weingläser

Wenn man sich so oft sieht, wie wir zwei uns, entwickeln sich ganz von selbst gewisse Gewohnheiten, die der gemeinsamen Arbeit einen Rahmen geben. Einen Teil davon habe ich schon in „Zwei Autoren, ein Buch?“ beschrieben. Außerdem haben wir noch verschiedene andere Eigenheiten. So schreiben wir unser Urmanuskript immer altmodisch von Hand auf Papier. Wenn wir dann beide zufrieden sind, wird es in den Computer gehackt. Eine Tätigkeit, die wir abgrundtief hassen, die aber auch ihre Vorteile hat. Oft entdeckt man doch noch Worte, die doppelt vorkommen, oder auch logische Schwachstellen, dann wird natürlich sofort nachgebessert.

Ab und zu benützen wir bestimmte Phrasen, um zum Beispiel eine Stimmung auszudrücken. Wenn wir überlegen, wie es weitergehen soll, persönliche Entscheidungen anstehen, dann fällt mit Sicherheit folgender Satz:

„Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann.“

Ich möchte Ihnen auch den Rest des Verses, den Frodo im ersten Band von Der Herr der Ringe „wie für sich selbst und langsam redend“ in Erinnerung an Bilbo „plötzlich sprach“:

„Weit über Land von Ort zu Ort, ich folge ihr so gut ich kann.
Ihr lauf ich müden Fußes nach, bis sie sich groß und breit verflicht.
Mit Weg und Wagnis tausendfach. Und wohin dann? Ich weiß es nicht.“
(J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe, 1. Band, 7. Auflage der kartonierten Sonderausgabe 1979, Ernst Klett, Stuttgart)

Wir sehen Berge und Täler, Abzweigungen und Kurven und manchmal auch Pfützen. Tiefe morastige Suhlen auf Wegstrecken wo manches nicht so glücklich läuft, wie wir uns dies gewünscht hätten. „Pfützenwasser trinken“ ist ein stehender Ausdruck dafür geworden, wenn wirklich alles mies aussieht. Aber wir wissen, unsere Straße führt uns immer wieder auch an sehr glückliche Orte.

Diese Zeilen sind außerdem vertont worden und wir hörten sie uns zig Male zum Abschluss unserer Schreibsitzungen an und hingen, manchmal etwas melancholisch, noch lange den Klängen nach („The old walking song“ aus Selected songs from the „Lord of the rings“ Track 2, An evening in Riverdell, Caspar Reiff and Peter Hall with the Tolkien Ensemble, Classico 1997).

Montag Abend in der Sägmühle

Montag Abend in der Sägmühle

Über sehr lange Zeit hatten wir unseren „Jour Fixe“ zum Schreiben. Der Montagabend gehörte uns, die meisten unserer Bekannten wussten, dass wir dann auf gar keinen Fall gestört werden wollten. Wer sich doch getraute anzurufen, musste einen sehr triftigen Grund nennen oder einen gewaltigen Rüffel einstecken.

Wir haben auch eine sehr schlechte Angewohnheit, die man eigentlich gar nicht öffentlich machen kann, aber sie gehört dazu: wir rauchen, wir qualmen beim Schreiben wie die Dampflokomotiven. Oft halten wir unsere Zigaretten nur in der Hand, weil wir manchmal gleichzeitig denken, reden und schreiben – sogar Frauen können nur drei Dinge auf einmal, aber Spaß beiseite, es ist eine ganz üble Gewohnheit, und lesen kann man das Buch sicher ohne sie.

Wenn wir fertig sind, bringen wir dann noch ein „Rauchopfer dar“ oder verbrennen ein „letztes Häufchen Tabak“.

Und dann gibt es noch unsere absolut heilige Kuh: Michael besitzt zwei wunderschöne Weingläser. Mundgeblasenes Glas endet in einem zinnernen Fuß. Aus diesen Gläsern trinken (mit nur einer winzigkleinen, seltenen Ausnahme) nur wir zwei und zwar Rotwein: trocken, tiefdunkel und mit einem lange anhaltenden Nachgeschmack. An jedem gemeinsamen Abend „klingeln“ wir vor dem ersten Gedanken und der ersten Schreibe miteinander „an“ und wenn wir uns ausgetobt und ausgetauscht, unser Rauchopfer genossen haben, dann „klingeln“ wir mit den letzten Schlucken „ab“. Ohne dieses Ritual geht gar nichts bei uns. Wir würden es als sehr schlechtes Omen sehen, wenn es aus irgendwelchen Gründen, die wir uns allerdings nicht vorstellen können, einmal ausfallen würde.

17 Juli '10 von Sigrid Knödler, in Erzählenswertes.

1 Kommentar für „Rituale“

Maral Babaei #1 von Maral Babaei (22.08.2010 um 22:59 )

Ich kann mir das bildlich vorstellen… :) Danke für diesen Beitrag…Das weckt soviele Erinnerungen…